Schrift: größer/kleiner
Inhaltsverzeichnis
Sie sind hier: Startseite Bodendenkmalpflege > Prospektion > Projekte und Schwerpunkte > Projekt Jüchen
Im Rahmen des Braunkohletagebaus „Garzweiler II" wurde die Umsiedlung mehrerer Ortschaften notwendig. Für das Dorf Holz war ein neuer Standort nördlich von Hochneukirch in der Gemeinde Jüchen ausgesucht worden.
Eine seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bekannte römische Trümmerstelle lag mittig im geplanten Umsiedlungsstandort und war durch die Überbauung gefährdet. Um ihre Ausdehnung abzugrenzen, wurden bereits 1994 umfangreiche Prospektionsmaßnahmen durchgeführt. Da eine Erhaltung der Fundstelle nicht möglich war, erfolgte von 1997 bis 2000 die Ausgrabung.
Im Zuge der Ausgrabung konnte, ausgehend von der römischen villa rustica, von 1997–2000 ein einzigartiger Besiedlungsstandort freigelegt werden, dessen Funde auf eine lückenlose, mindestens 700 Jahre währende Nutzung schließen lassen (Abb.1).
Die älteste Besiedlung reicht in den Übergang von Späthallstatt- und Frühlatènezeit zurück (um 450 v. Chr.). Der Standort der in dieser Zeit errichteten Höfe verlagerte sich während der Mittel- und Spätlatènezeit (4.–spätes 1. Jahrhundert v. Chr.) nach Osten. Während die
überwiegende Zahl der Kleinfunde einen südlichen Einfluss aus dem keltischen Raum erkennen lässt (Abb.2), weist z. B. ein kleines würfelförmiges Gefäß in den rechtsrheinischen germanischen Kulturbereich.
Nordwestlich der späteisenzeitlichen Siedlung entstand im ersten Drittel des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein Gehöft, dessen Siedler aus dem Elbegebiet stammten (Abb.3). Als völlig neuartige Gebäudeform wurden nun erstmals Grubenhäuser errichtet.
Noch während dieses Gehöft bestand, wurde in etwa 110 m Entfernung eine rechteckige Hofanlage errichtet, die noch deutlich eisenzeitliche Züge aufweist, jedoch als unmittelbarer Vorgänger der späteren römischen villa rustica gelten kann. Noch vor dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. erfolgte, dem allgemeinen Trend der Villenentwicklung folgend, die Errichtung zweier großer Holzbauten, deren Fachwerkkonstruktion auf großen Steinquadern mit Zapflöchern auflag. Am Ende des 1. Jahrhunderts oder im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das Hofareal auf ca. 1,6 ha vergrößert. In der Südostecke entstand nun ein neues Hauptgebäude mit Steinfundamenten, großem Wohnbereich, hervorspringenden Eckräumen (Risalite) und einem überdachten Säulengang (porticus) an der hofseitigen Schaufront des Gebäudes (Abb.4). Zahlreiche
Wirtschaftsgebäude und vermutlich ein kleiner Tempelbau lassen die Hofanlage nun als eine für Niedergermanien klassische villa rustica erscheinen. Zwei kleine Gräberfelder lagen am Rand des Hofareals. Bereits Ende des 2. oder im Verlauf des 3. Jahrhunderts n. Chr. wurde der Hof durch Feuer zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Die letzte Phase der Nutzung des Hofareals erfolgte in frühfränkischer Zeit. Im 4. Jahrhundert war auf dem Areal des ehemaligen Hauptgebäudes, welches einige Zeit zuvor einem Feuer zum Opfer gefallen war, ein Pfostenbau errichtet worden. Ein zweiter Pfostenbau und zwei Grubenhäuser bildeten zusammen mit diesem ein kleines Gehöft, das bis in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts existierte. Mehrere Ofenanlagen zeigen, dass nicht nur Landwirtschaft sondern auch handwerkliche Produktion zum Lebensunterhalt des Hofes beitrugen.
Dank der großen Grabungsfläche von annähernd 7 ha war es in Hochneukirch möglich, die Entwicklung und Verlagerung ländlicher Siedlungen über einen Zeitraum von nahezu 1000 Jahren zu verfolgen. Was in kleineren Ausschnitten wie kurzzeitig bestehende und dann aufgegebene Siedlungen aussehen kann, erweist sich in der Zusammenschau als Teil einer kontinuierlich bestehenden, dabei aber den Standort wechselnden Siedlung.
Klaus Frank
Literatur:
J.-N. ANDRIKOPOULOU-STRACK, P. ENZENBERGER, K. FRANK, CH. KELLER, N. KLÄN, Eine frührömische Siedlung in Jüchen-Neuholz. Überlegungen zur Siedlungskontinuität in der Lößbörde. Bonner Jahrbücher 199, 1999, 141-180.
K. Frank, Ch. Keller, Jüchen-Neuholz. Vom eisenzeitlichen Gehöft zur Villa rustica. In: Krieg und Frieden. Kelten – Römer – Germanen. Begleitbuch zur Ausstellung 21.06.2007-06.01.2008 im Rheinischen LandesMuseum Bonn, 316-324.